Der Tod eines nahestehenden Menschen
- Thorsten Linge

- 25. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Ein Hubschrauber wartet mit laufenden Turbinen in einem Schlosspark. Ein Mann geht langsam über den gepflegten Rasen auf den Hubschrauber zu, ruhig, fast gelassen, obwohl er weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist. Josselin Beaumont, die Hauptfigur aus Der Profi, hat seine Mission erfüllt.
Der Profi, ein einzigartiger Film. Jean-Paul Belmondo, ein einzigartiger Schauspieler. Chi Mai, eine einzigartige Filmmusik.
Man kann es kaum fassen, dass der Held am Ende stirbt. Und doch ist es eben nur ein Film, der einen sehr gut unterhält.
Anders sieht es aus, wenn ein Held aus unserem Leben stirbt.
Manchmal erscheint das wie in einem Film, und man kann es nicht glauben. So ergeht es mir gerade. Erst vor Kurzem ist meine Schwester verstorben. Plötzlich. Ohne Vorerkrankung. Mitten aus dem Leben gerissen.
Wir hatten ein sehr enges Verhältnis. Sie war die Ältere. Sie war immer für mich da. Gemeinsam kümmerten wir uns um unseren Vater, was alles deutlich einfacher machte. Immer wenn wieder etwas passierte, war der Austausch mit meiner Schwester das Erste, was mir in den Sinn kam. Das, was mir half, mit jeder Situation fertigzuwerden.
Es ist wie mit einer Verletzung des Daumens. Erst wenn du ihn nicht benutzen kannst, merkst du, wie sehr du ihn brauchst. Es war selbstverständlich, dass sie da war. Natürlich war man auch mal genervt oder hat nicht so oft gesprochen. Aber sie war immer da, ganz in der Nähe.
Jetzt fehlt sie mir. Es ist immer noch so unwirklich. Ich kann wohl noch immer nicht fassen, dass sie nicht mehr da ist, dass ich sie nie wieder sehen werde, nie wieder mit ihr sprechen kann, sie nicht mehr in den Arm nehmen kann. Für einen Teil von mir ist das noch immer keine Realität.
Ein anderer Teil versucht, es anzunehmen. Ich spreche mit ihr, wenn ich allein bin. Ich denke an sie. Gerade jetzt ist sie allgegenwärtiger als früher. Da kommt die Frage auf, ob ich auch genug für sie da war. War ich ein guter Bruder?
Da kommen Schuldgefühle ebenso hoch wie Wut über die Umstände, die zu ihrem Tod geführt haben. Da sind tiefe Trauer, Schmerz, Hilflosigkeit und Angst.
So viele Gefühle, die man sonst im Alltag im Griff hat. Gefühle. Wer braucht denn so etwas? Machen sie mich nicht schwach? Wenn ich all das zulasse, entspreche ich doch gar nicht mehr dem Bild des Mannes in unserer Gesellschaft. Was denken die anderen dann von mir? Da habe ich all die Jahre so hart daran gearbeitet, diesem Bild gerecht zu werden, gewollt oder ungewollt. Da kann ich es doch jetzt nicht durch ein paar Gefühle einstürzen lassen …
Aber vielleicht ist das auch eine Chance. Eine Chance, mein Selbstbild einmal zu überdenken. Mir die Frage zu stellen, was mir wirklich wichtig ist. Offensichtlich ist dieser Mensch, den ich gerade verloren habe, sehr wichtig.
Trauer ist vielleicht das mächtigste Gefühl, das ein Mensch kennt. Sie ist kein Zeichen von Kontrollverlust, sie ist der Beweis dafür, dass wir geliebt haben. Dass uns etwas bedeutet hat. Dass wir geliebt werden.
Trotzdem gilt Trauer bei Männern oft als etwas, das man überstehen muss. Möglichst schnell, möglichst geräuschlos, möglichst allein.
Was passiert, wenn man das tut? Man friert ein. Die Trauer geht nirgendwohin. Sie lagert sich ab, als Reizbarkeit, als Rückzug, als diffuses Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Viele Männer, mit denen ich spreche, befinden sich genau dort. Sie wissen nicht mehr, was sie fühlen. Aber sie spüren, dass etwas fehlt.
Trauer ist kein Absturz, sie ist ein Durchgang. Die bekannten fünf Phasen der Trauer (Verleugnung, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz) beschreiben keinen gradlinigen Weg, und nicht jeder durchläuft alle Phasen. Trauer ist individuell.
Entscheidend ist: Wer trauern kann, kommt durch. Wer verdrängt, bleibt stecken. Das ist keine Schwäche. Das ist Menschsein. Und für Männer, die ihr Leben damit verbracht haben, stark zu sein, ist das Zulassen von Trauer oft das Mutigste, was sie je getan haben.
Weil Männer aber selten im Kreis sitzen und über Gefühle reden wollen, brauchen wir andere Wege. Und die gibt es.
Schreib auf, was du fühlst. Nenn es Lagebericht. Zehn Minuten, kein Filter, nur für dich.
Geh in Bewegung, aber mit Intention. Kein Podcast, keine Ablenkung. Nur du, deine Schritte und das, was kommt.
Such dir einen Menschen, dem du vertraust, und sag ihm einen einzigen Satz: „Ich trauere gerade. Ich möchte nur nicht allein damit sein.“ Mehr braucht es oft nicht.
Schaff dir ein Ritual, einen Ort, einen Gegenstand, eine Geste. Rituale geben dem Schmerz einen Platz.
Und stell dir die Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle: Was würde diese Person von mir wollen? Die Antwort ist meistens dieselbe: Leb weiter. Sei ganz.
Das führt zu einer größeren Frage: Was bedeutet es heute, als Mann stark zu sein? Nicht mehr derjenige zu sein, der keine Gefühle zeigt, sondern derjenige, der sich selbst kennt. Der trauern kann, ohne zu zerbrechen. Der fühlt, ohne die Kontrolle zu verlieren.
Ich schreibe das, während ich selbst mittendrin bin. Das macht es nicht perfekter, aber ehrlicher. Und wenn du gerade durch etwas Ähnliches gehst, dann weißt du: Du bist nicht allein.




Kommentare