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Warnsignale, die du nicht erkennst

  • Autorenbild: Thorsten Linge
    Thorsten Linge
  • 26. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Als ich mit großen Schritten auf mein Burnout zulief, gab es unzählige Warnsignale, die ich allesamt nicht wahrgenommen bzw. übersehen habe oder auch gerne aktiv weggedrückt habe. Ich habe sogar gedacht, wenn ich jetzt auch noch mit einem Triathlon meinen Körper so richtig fordere, dann habe ich es endgültig geschafft! Dann habe ich mir alles bewiesen: Stark, so muss Mann sein!


Ich denke das erste Anzeichen machte sich in meiner Ehe bemerkbar. Wie soll man auch eine Beziehung führen, wenn Mann nie da ist, erst spät nach Hause kommt und selbst an Wochenenden arbeitet? Schwierig. Ich will jetzt nicht mein Burnout für meine Scheidung verantwortlich machen, aber geholfen hat es auch nicht. Wenn ich zurückdenke, dann habe ich mich tatsächlich im Büro besser gefühlt als zuhause. Klingt hart und ist auf keinen Fall auf meine Ex-frau zurückzuführen. Auch die Arbeit war eigentlich nicht das Problem. Ich war das Problem.


Mit dem Auszug suchte ich die Ablenkung und da half es sehr, dass mein Best Buddy gerade ebenfalls in der Trennung steckte. Die Frankfurter Nächte gehörten uns. Umso schwieriger war es dann am Tag, im Job. Und selbst wenn du das beste Team der Welt hast, dass dir den Rücken freihält – und das hatte ich! – irgendwann zeigt es sich doch, dass deine Leistung nicht mehr die ist, die man erwartet und gewohnt war. Aber hier war das Problem nicht die durchzechten Nächte. Es war auch nicht der Job. Ich war das Problem.


Dann kam das erste körperliche Anzeichen: kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata). Du kannst die Haare gar nicht so kurz tragen, dass es nicht auffällt. Das verunsichert, was wieder dem Burnout zuarbeitet. Um Klarheit zu schaffen, habe ich mir kurzerhand den Kopf blank rasiert. Ich hatte Glück, dass mir die meisten in meinem Umfeld sagten, dass mir das Stehen würde und seitdem war ich „Thorsten – im Namen mit „H“ auf dem Kopf ohne …“ Und die Ursache lag nicht bei meinen Haaren, auch nicht in meinem Job. Die Ursache lag bei mir.


Mein gesamtes Umfeld, meine Freunde alle sahen, was sich bei mir entwickelte, oder worauf ich zusteuerte. Sie sprachen mich an, versuchten mich darauf aufmerksam zu machen, mich zu warnen. Vergebens. Es ist nicht so, als hätte ich es ignoriert. Nein, ich habe es schlichtweg nicht verstanden. Ich habe das, was kommen sollte, nicht kommen sehen. Ich war blind, im Auge des Orkans.


Dann kam die Autofahrt, die alles veränderte. Ich arbeitete damals in Zürich und pendelte zwischen Zürich und Frankfurt. Als ich für einen wichtigen Termin auf dem Weg nach Zürich war, ist es dann passiert. Es überwältigte mich. Ich bekam eine massive Panikattacke. Ich konnte mich gerade noch auf den nächsten Parkplatz retten. Ich weiß heute nicht mehr, wie lange ich dort stand. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Die Tränen liefen aus den Augen und ich konnte nicht sagen warum.

Ab hier hat sich dann alles verändert. Rückblickend wäre so einiges anders gelaufen, wenn ich Dinge rechtzeitig erkannt hätte und anerkannt hätte. Ich hätte früher etwas tun und das Schlimmste vermeiden können. Aber das habe ich nicht. Vielleicht schaffst du es, wenn du das liest!?!

 

Hier sind die fünf Signale, die ich alle hatte – und alle übersehen habe.

 

1. Du funktionierst – aber es kostet dich mehr als früher

Früher war Leistung selbstverständlich. Du hast geliefert, weil du es wolltest und konntest. Jetzt lieferst du noch – aber es zieht. Jeder Morgen braucht einen Anlauf. Jedes Meeting kostet dich mehr Energie als es sollte. Von außen sieht niemand etwas. Du selbst merkst: Das hier ist nicht mehr dasselbe.

Wie du es wahrnimmst, bevor andere es tun:

Frag dich abends ehrlich – nicht ob du heute geliefert hast, sondern was es dich gekostet hat. Wenn die Antwort immer öfter lautet „mehr als ich habe", dann ist das dein erstes Signal.

 

2. Zuhause bist du körperlich anwesend – aber eigentlich längst weg

Ich habe mich im Büro besser gefühlt als zuhause. Das klingt absurd, aber ich kenne viele Männer, denen es genauso geht. Die Arbeit gibt Struktur, gibt Kontrolle, gibt das Gefühl, gebraucht zu werden. Zuhause ist alles diffuser. Also flüchtest du – in Arbeit, in Sport, in Bildschirme. Die Menschen neben dir merken es zuerst. Du selbst nennst es „Stress".

Wie du es wahrnimmst, bevor andere es tun:

Wenn du merkst, dass du Gespräche zuhause nur noch halbherzig führst – und dabei weißt, dass du eigentlich da sein willst, aber nicht kannst – dann ist das kein Beziehungsproblem. Das bist du.

 

3. Deine Reizbarkeit steigt – und du schiebst es auf die anderen

Kleiner Stau. Kollegin kommt zu spät ins Meeting. Kind lässt das Glas fallen. Früher hast du das weggesteckt. Jetzt fährst du innerlich – oder äußerlich – hoch. Du merkst selbst, dass es unverhältnismäßig ist. Also gibst du dem Stau die Schuld. Der Kollegin. Dem Kind. Nicht dir.

Wie du es wahrnimmst, bevor andere es tun:

Das Signal ist nicht die Gereiztheit selbst – die sehen andere auch. Das Signal ist der Moment danach, wenn du denkst: „Das hätte nicht sein müssen." Dieser Moment der Klarheit ist dein Frühwarnsystem. Hör hin.

 

4. Dein Körper fängt an zu reden – du hörst nur nicht zu

Schlechter Schlaf. Verspannungen, die nicht weggehen. Kopfschmerzen ohne Grund. Magenprobleme. Bei mir war es der kreisrunde Haarausfall. Ich habe mir den Kopf rasiert und das Problem damit „gelöst". Der Körper hat mir eine Nachricht geschickt – ich habe den Umschlag weggeworfen, ohne ihn zu öffnen.

Wie du es wahrnimmst, bevor andere es tun:

Körpersignale kommen immer früher als der Zusammenbruch. Nicht jede Verspannung ist ein Alarmsignal – aber wenn mehrere Symptome gleichzeitig auftauchen und du sie seit Wochen ignorierst, dann ist das dein Körper, der Überstunden macht, um dir etwas zu sagen. Hör zu.

 

5. Du siehst die nächsten 12 Monate deines Lebens nicht mehr klar

Das ist das subtilste Signal – und das gefährlichste. Du lebst von Woche zu Woche. Pläne fühlen sich abstrakt an. Die Frage „Wo willst du in einem Jahr sein?" löst nichts aus – kein Bild, keine Energie, kein Antrieb. Du weißt, dass du funktionierst. Aber wohin du eigentlich willst – das ist verschwommen geworden.

Wie du es wahrnimmst, bevor andere es tun:

Nimm dir zwei Minuten. Schreib auf, was du in 12 Monaten anders haben willst. Wenn dir nichts einfällt – oder wenn du innerlich denkst „Hauptsache, es bleibt wie es ist" – dann ist das kein Mangel an Ambitionen. Das ist Erschöpfung, die sich als Gleichgültigkeit tarnt.

 

Was alle fünf gemeinsam haben?

Sie zeigen sich bei dir, lange bevor dein Umfeld anfängt, Fragen zu stellen. Du bist der Erste, der sie spürt. Und meistens der Letzte, der sie anerkennt.

Ich weiß das. Ich war das.

 

Der Unterschied zwischen damals und heute? Heute habe ich einen Plan. Damals hatte ich keinen.

 

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